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Die Völker der Erde - Das Kulturareal Australien |
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Die australische Urbevölkerung heißt in offizieller Bezeichnung
«Australian Aborigines». In der deutschen Völkerkunde werden sie
Australier genannt. Vollkommen falsch ist der Begriff «Australneger». Die
australische Urbevölkerung bildet eine eigene Rassengruppe, die der Australiden.
Dieser Rassengruppe werden Menschen mit dunkelbrauner bis schwarzer Hautfarbe mit dunklen
meist welligen Haar zugeordnet.
Das Hauptinteresse der australischen Urbevölkerung war die Beschaffung von Nahrung.
Als tierische Nahrung wurden alle heimischen Tierarten verwendet, wie Säugetier,
Reptilien, Amphibien, Vögel und Insektenprodukte, wie auch Honig.
Die Grundkomponenten der Wirtschaft der Australier zur Gewinnung der Nahrungsmittel waren
die Jagd, der Fischfang und das Sammeln. Zu einer Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern
zwecks Spezialisierung war es nicht gekommen. Die Jagd wurde betrieben, um möglichst
größeres Land- und Federwild zu erlegen. Siehe dazu das Thema Flora und Fauna.
Um erfolgreich Tiere zu erlegen, wurden verschieden Jagdmethoden angewendet, wie z. B.
die Pirschjagd, die Jagd von einem Anstand aus sowie die Treibjagd. Die genannten
Jagdmethoden wurden oft in Verbindung mit gelegten Buschbränden ausgeübt. Als
Jagdwaffen wurden Speere mit Holz- oder Steinspitzen, Steinbeile wie auch Schlag- und
Wurfkeulen verwendet. Die Speere wurden von den Festlandsstämmen mit sogenannten
Speerschleudern geworfen. Diese Speerschleuder erhöhte durch die Verlängerung
der Hebelwirkung des Armes die Geschwindigkeit eines Wurfes gegenüber dem Handwurf.
Zu den Wurf- bzw. Schlagkeulen gehört eine besondere Waffe der Australier -
nämlich der Bumerang. Es ist falsch die Annahme, dass nach einem Wurf dieses
Fluggerät immer wieder zum Werfer zurückkommt. Nur die eine typische
gekrümmte Form, welche als Sport- und Spielbumerang verwendet wurde, besaß
diese Eigenschaft. Die Kampf- und Jagdbumerangs waren nicht in der Lage
zurückzukehren. Man benutzte jedoch die Sportversion, um sie mit ihren wirbelnden
und gewundenen Flug in Vogelschwärme hineinzuwerfen. Das Steinbeil war mehr Werkzeug
als Waffe. Die meist verwendete Form bestand aus einem Flußstein mit angeschliffener
Schneidekante, der zwischen biegsamen Holz steckte und von Sehnen zusammengehalten wurde.
Ein Jäger kletterte mit diesem Steinbeil einen Baumstamm hinauf, um in schwindelnder
Höhe ein schlafendes Tier zu erschlagen.
Der Fischfang hatte regional verschiedene Bedeutung - je nach dem, ob Binnenfischerei wegen
der Austrocknung des Landes überhaupt möglich war. Der östliche Teil des
Kontinents war für die Fischerei besonders geeignet. In der Mitte wie auch im Westen
war der Fischfang nicht möglich. Zum Fischfang muß aber auch das Einsammeln
von Krebsen, Krappen und Muscheln gerechnet werden. Das Fleisch der Muscheln muß
bei der australischen Urbevölkerung eine besondere Bedeutung gehabt haben, was die
große Anzahl von Schalenhaufen beweist. Für den Fischfang wurden mehrspitzige
Speere, kleine Handnetze oder große von mehreren Personen gezogene Schleppnetze
verwendet. Letztere Netze waren in Ostaustralien verbreitet. Aus Hartholz, Knochen oder
Dornen zusammengesetzte Angelhaken wurden an der Nordküste eingesetzt. Angeln aus
einem Stück geschnittener Muschelschalen benutzte man an der Ostküste. Auch
Fischwehre aus Ästen, Reisig oder Steinen kamen in Flüssen zum Einsatz, die
sehr ertragreich waren. Seekühe, große Fische und Seeschildkröten wurden
im tropischen Norden mit Rindenbooten oder Einbäumen zu Leibe gerückt.
Neben der Jagd und dem Fischfang wurde auch durch Sammeln pflanzliche Nahrung wie auch
Schnecken, Insekten-, Vogel- und Reptilieneier erbeutet. Für diese Tätigkeit
wurde keine Gerätschaft benötigt. Um an Wurzeln, Knollen und unter der Erde
bauende Tiere heranzukommen, wurde ein Grabstock verwendet, der aus einem einfachen
Holzstab mit einer spatenförmigen Spitze bestand. Um die gesammelten Produkte zu
transportieren, wurden verschiedenartige Behälter gefertigt, so z. B. wurden
aus Palmblätter oder Rinde Geräte gefaltet sowie Körbe aus Pflanzenfasern
geknüpft.
Die Nahrung wurde durch Rösten in der Glut oder durch Dünsten im Erdofen
zubereitet. Gefäße, welche zum Kochen verwendet werden könnten, waren
unbekannt. Im allgemeinen wurde Feuer durch Quirlen oder Sägen erzeugt. In
Neusüdwales verwendeten einige Stämme Feuerstein zum Funken schlagen. Einige
Nahrungsmittel mußten durch Dreschen, so z. B. Gras- und oder andere
Samenpflanzen zubereitet werden. Im Anschluß wurde der so gewonnene Samen auf
einer steinernen Reibeplatte mit einem kugelförmigen Handstein zerrieben. Die
blausäurehaltigen Yamsknollen wurden durch Raspeln, Gären und Wässern
entgiftet.
Kleidung, als Wärmebedürfnis oder zum Verdecken der Schamteile, war so gut wie
unbekannt. Lediglich im Süden wurden in küstennahen Regionen Umhänge aus
Känguruhfell getragen. Die Männer und Frauen trugen jedoch einen Gürtel -
Leibgurt - aus gedrehten Fellstreifen oder aus Menschenhaaren, an denen sie ihre Waffen
und Geräte befestigten, um schnell das erforderliche Instrument zur Erlegung eines
Tieres zur Verfügung zu haben.
Das ganze Leben der Australier spielte sich im Freien ab. Rund- und Rechteckhütten,
überdachte Schlafplattformen und Windschirme wurden aus Rinde, Ästen und
Palmblättern, Büschel aus Stachelschweingras etc. errichtet. Diese Wohn- und
Kochstätte war das Heim einer Einzelfamilie, die je nach Jahreszeit an verschiedenen
Orten mit wenigen oder mehreren Familien gemeinsam einen Lagerplatz nutzen. Dies war vom
Wasservorrat abhängig. Die Jahreszeiten wie auch die Menge der Nahrungsmittel
bestimmte die Gegend, den Standort, die Dauer sowie die Größe und die Bauweise
einer Siedlung. Es konnten also wenige aber auch Dutzende Behausungen an einem Platz
stehen. Dauersiedlungen gab es nicht. Die verfügbare Nahrung stand im Rhythmus der
Jahreszeiten, so auch die Art, der Ort wie auch die Menge der zu jagenden, zu fischenden
oder zu sammelten Nahrungsmittel.
Für die Aborigines waren die wichtigsten Elemente der Gesellschaftsstruktur die
Lokalgruppen, die Verwandtschafts- und Heiratssysteme sowie die Altersklassen. Durch
diese Anbindung war der einzelne mit der Gemeinschaft fest verwurzelt.
Die Lokalgruppe war ein größerer Kreis von Verwandten, die ein bestimmtes
Stück Land als gemeinsames Eigentum besaß. Auf diesem Land ging man die
meiste Zeit des Jahres dem Erwerb von Nahrung nach. Eine Lokalgruppe setzt sich mal
angenommen aus einem alten Mann und seinen Brüdern, seinen Söhnen und derer
Söhne und Engelsöhne ... zusammen. Dazu müssen noch die Ehefrauen,
unverheiratete Töchter und Kinder aus zwei bis drei Generationen gezählt
werden... Aus anderen Lokalgruppen stammen die verheirateten Frauen. Ein männlicher
Nachkomme wurde Miteigentümer des väterlichen Lokalgruppenlandes und erhielt
ein gewisses Nutzungsrecht am Herkunftsland der Mutter. Das Territorium einer anderen
Lokalgruppe durfte er nicht betreten, geschweige darin jagen. Adoption oder eine Frist,
die durch gegenseitige Einladungen als Gastrecht gewährt wurden waren, bildeten
Ausnahmen. Ein ungeschriebenes Gesetz verbot Verstöße gegen die Verletzung
des Lokalgruppenlandes. Ein solches Fehlverhalten konnte mit dem Tod bestraft werden.
Es gab zwischen benachbarten Stämmen Gemeinsamkeiten in der Sprache und Kultur. Ein
Stamm konnte wegen wirtschaftlichen, kriegerischen oder kultischen Anlässen
zusammen kommen. Es war aber kein fester politischer Verband, der durch einen
Häuptling nach innen und außen repräsentiert wurde. Die Führung einer
Lokalgruppe oblag dem alten Mann.
Die Verwandtschafts- und Heiratssysteme der Australier gingen über die begrenzten
Territorien hinaus. Ein sogenanntes klassifikatorisches Verwandtschaftssystem erfaßte
die Bevölkerung des gesamten Kontinents. Es legte die Verwandtschaft eines jeden mit
einem jeden über die Stammesgrenze hinaus fest.
Auf zwei Grundtypen war das klassifikatorische Verwandtschaftssystem bei zahlreichen
Stämmen Australiens reduziert:
Das eine Heiratssystem war auf 4 oder 8 Sektionen (auch Klassen) ausgelegt. Die
Männer und Frauen einer Heiratsklasse durften nur mit Frauen und Männern einer
bestimmten anderen der übrigen 3 bzw. 7 Sektionen die Ehe eingehen. Denn nur mit
Personen dieser Sektionen - einem entfernteren Blutverwandtschaftsverhältnis - war
die Heirat möglich. In alle anderen Klassen waren die Personen engere Blutsverwandte.
Ein sexueller Kontakt mit diesen Klassen oder Sektionen war strengstens verboten.
Das andere einfachere dieser Grundtypen dieses klassifkatorischen Verwandtschaftssystem
ist der sogenannte Kariera-Typ. Hierbei durfte
- Mutters Bruders Tochter -> Vaters Schwesters Sohn
oder
- Mutters Bruders Sohn -> Vaters Schwesters Tochter
heiraten.
Dieses Vierklassensystem wurde von einer Anzahl von Stämmen praktiziert. Der
kompliziertere Aranda-Typ (benannt nach einem Stamm) war Stämmen mit dem
Achtklassensystem angemessen.
Heiratsklassen waren auch zu je 2 und 2 bzw. 4 und 4 in größeren Verbänden
zusammengefaßt. Sie werden Moieties (= Hälften) genannt. Es durfte auch nur
außerhalb des Stammes geheiratet werden. Bestimmte Sektionen einer Moiety standen
nur zu bestimmten Sektionen der anderen in einem Ehe gestattenden
Verwandtschaftsverhältnis. Zahlreiche Stämme hatten nur die Zweiteilung in
Moieties aufzuweisen - Heiratsklassen waren nicht ausgebildet. Jedoch wurde, auch wenn
keine Moieties und Sektionen vorhanden waren, nach den Regeln des klassifikatorischen
Verwandtschaftssystem gehandelt.
Diese Verwandtschaftssysteme schufen ein Netz von Verpflichtungen, Rechtsansprüchen
und Umgangsformen und brachte so Ordnung ins Gemeinschaftsleben. Das klassifkatorische
Verwandtssystem betraf auch die Produktionsverhältnisse der Australier. Die Verteilung
der Jagdbeute wie auch der zwischenstammliche Austausch von Waffen, Werkzeugen und anderer
Materialien erfolgte nach bestimmten Verwandtschaftsbeziehungen.
Die Australier kannten auch Altersklassen. Wenn es nicht zu einer weiteren Differenzierung
gekommen war, so gab es zumindest die Einteilung der männlichen Bevölkerung in
Klassen. Die eine Klasse war die der Vorinitiierten und eine Klasse die der Initiierten.
Die Jungen kamen in die Klasse der Vorinitiierten und die Männer in die der
Initiierten. In Zentralaustralien gab es auch einen weiblichen Teil der Gesellschaft, der
in Altersklassen eingeteilt war. Jedoch konnte eine Frau niemals den gleichen Grad des
Vertrauens und der Autorität im Wissen der heiligen Stammesmythen und -kulte wie ein
Mann erreichen.
Von den etwa 300.000 Ureinwohnern Australiens lebten zur Mitte des 20. Jahrhunderts nur
noch ein Fünftel. Zwischen 1810 bis 1860 wurde gegen sie durch die Schafe
züchteten Squatters ein regelrechter Vernichtungszug geführt. Die Rinderzucht,
die in Zentral-, Nord- und Nordwestaustraliens voranrückte, beeinflußte die
Urbevölkerung nicht so weitgreifend wie die Schafzucht. Es konnten nicht genügend
Sträflinge deportiert werden wie benötigt, deshalb waren die
Großgrundbesitzer ständig auf der Suche nach billigen Arbeitskräften. Diese
fanden sie in der australischen Urbevölkerung. Die Profitinteressen der Rinder- und
Schafzüchter wirkten sich negativ auf die Bevölkerungszahlen der Ureinwohner
aus. In den vier Oststaaten Australiens war durch die Schafzucht, durch
die intensive Rinderzucht wie auch durch die Landwirtschft, der Küsten- und
Hochseefischerei, dem Bergbau und der anderen Industrie die Australier auf 5,6 Prozent
geschrumpft. Im Nordterritorium sowie in Süd- und Westaustralien lebten hingegen 40
Prozent Aborigines.
In den beiden Bundesstaaten im Kernland des fünften Kontinents sind die Ureinwohner
fast völlig zurückgedrängt wurden. So kann man feststellen, dass die
australische Urbevölkerung vor allem in den wirtschaftlich ungenutzten oder im Gebiet,
wo Rinderzucht betrieben wird, leben. In den ausgedehnten Gebieten, die zur Hälfte
aus Halbwüste und Trockensteppe bestehen, zerfällt allmählich die alte
Lebensweise und Kultur durch die Anpassung an die Agrarproduktion der weißen
Australier. Einige Personen bzw. Gruppen leben in Missionen, auf Farmen oder in
Regierungsstationen, wo sie als Viehhirten oder landwirtschaftliche Hilfsarbeiter
tätig sind. Andere arbeiten als Saisonarbeiter und leben die übrige Zeit im
Busch. Einige wenige sind nur der alten Tradition treu und leben wirtschaftlich im
Rahmen ihrer alten steinzeitlichen Kultur.
Die, die ihrer alten Lebensweise und Kultur treu blieben, werden von Jahr zu Jahr immer
stärker durch die Zivilisation beeinflußt. Einige Gruppen der Ureinwohner
schicken ihre Kinder in Schulen von Regierungsstationen, wo ihnen die Sprache der
Weißen unterwiesen und das Leben der Zivilisation beigebracht wird. Jedoch
sollen sie auch die alten Mythen, die Gesetze, die Geschichte und die Kultur ihres
Volkes vermittelt bekommen, damit sie voller Stolz auf ihre kulturelle Eigenart schauen
können, um selbstbewußte und gleichberechtigte Bürger Australien einmal
zu werden. |
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